13. Spieltag 2017/2018 – Die Bundesliga Tipps

Fr 24.11. 20:30
Hannover 96 – VfB Stuttgart 0:2

Das Duell der Aufsteiger (wer hätte mal gedacht, dass man damit tatsächlich diese zwei Mannschaften meint) wird kein Leckerbissen, denn punktetechnisch sieht es für beide ganz gut aus. Mit so einer Situation können Vereine, die etwas auf sich halten, nicht umgehen. Hannover ist nach dem Debakel gegen Bremen verunsichert und bekommt jetzt langsam die Quittung für das Theater im Hintergrund. Und das nutzt der VfB – kontert zweimal stark, kratzt mit dem Sieg bereits an den internationalen Plätzen – und wird wieder größenwahnsinnig.

Sa 25.11. 15:30
Borussia Dortmund – Schalke 04 2:3

„Samma Schaaaaalke!“ oder „Samma Tedescoooo!“ – Was ist da denn los? Schalke steht beim Derby auf dem zweiten Tabellenplatz und vor Borussia Dortmund. Ich wühle mich jetzt nicht durch alte Tabellen, aber vom Bauchgefühl würde ich sagen, dass Ebbe Sand und Jörg Böhme noch königsblau trugen, als diese Konstellation zum letzten Mal zutraf. Und es könnte keinen besseren Zeitpunkt für Schalke 04 geben, um den BVB so richtig den dicken Daumen zu zeigen. Und ich glaube sie gewinnen in Dortmund. Der Klettverschluss von Bürkis Handschuh löst sich in der 89. Minute leicht ab und bleibt am Trikot haften. Der Freistoß in der Nachspielzeit knallt neben ihm ins Netz, weil er den Arm nicht richtig heben konnte und Peter Bosz macht erstmal Urlaub.

RB Leipzig – Werder Bremen 4:0

Die Kruse-Show gegen Hannover 96 war beeindruckend, aber Werder ist immer noch zu unbeständig und rechnet sich gegen Leipzig Chancen aus, weil die unter der Woche ranmussten. Leider sind bei Leipzig nur 20-jährige unterwegs, die am Freitag noch nicht mal in der Disco waren. Die 4 Tore vom letzten Wochenende kriegt Bremen direkt retour. Denn auch wenn Kruse und Bartels schnell sind, sind es immer noch Kruse und Bartels. Klingt in etwa wie ein Ermittlerduo aus dem Oldenburger Tatort, fällt mir dabei auf.

SC Freiburg – Mainz 05 2:1

Und da sind sie: „Die Wochen der Wahrheit“. Zumindest für den SC Freiburg. Hintereinander geht es gegen Mainz, den HSV und Köln. Und für diese Spiele ist der SC Freiburg gemacht. Gegen Wolfsburg hatten sie kaum eine Chance, aber Abstiegskampf können die Freiburger besser als die anderen drei genannten. Nils Petersen übernimmt die Sache selbst und schnürt den Doppelpack. Zu Mainz 05 fällt mir in dieser Saison gar nichts ein. Aber das war auch noch nie anders.

Eintracht Frankfurt – Bayer 04 Leverkusen 2:3

Niko Kovac ist in meinen Augen einer der besten Trainer der Bundesliga und für mich eines Tages die Ideallösung den BVB. Heiko Herrlich ist noch kein Kandidat für den BVB, hat aber ein talentierte Offensivreihe zur Verfügung. Die bügelt die Schnitzer in der Abwehr aus und lässt Leverkusen wieder oben anklopfen. Leon Baily schießt an diesem Spieltag zwei Tore und begibt sich dann schon langsam auf Abschiedstour.

FC Augsburg – VfL Wolfsburg 0:1

Wolfsburg hat tatsächlich erst zwei Spiele gewonnen und es sieht in Augsburg lange danach aus, als ob das so bleibt. Aber die Spieler haben einfach zu viel Angst vor dem Dialekt ihres Trainers und wollen sich um jeden Preis die Ansprache nach einem vergebenen Sieg sparen. Deshalb fasst sich Daniel Didavi ein Herz und zeigt allen, warum er eigentlich gar nicht in Wolfsburg spielen müsste. Augsburg spielt irgendwie mit, aber zu viele Punkte zu diesem Zeitpunkt in der Saison würde alle Experten verstummen lassen. Das möchten die netten Augsburger nicht.

Sa 25.11. 18:30
Borussia Mönchengladbach – Bayern München 0:3

Ziemlich weit vorn im Bundesligagesetzbuch steht ja, dass Verfolger der Bayern, die sich noch gerade so in Schlagdistanz befinden, im direkten Duell mit dem Rekordmeister den Rasen mit voller Buchse zu betreten haben. Ein eventueller Punktgewinn ist nicht vorgesehen, stattdessen wird der amtierende Serienmeister zum Toreschießen eingeladen bis es womöglich auch Thomas Müller wieder schafft. Gladbach hält sich brav an das Gesetz und das ganze Land muss ab jetzt auf Schalke 04 hoffen. Oh Gott, oh Gott.

So 26.11. 15:30
HSV – TSG Hoffenheim 1:2

Das war es schon wieder mit Europa. Da hätte die Truppe von Julian Nagelsmann ja auch sagen können, dass sie keine Lust hat. Der HSV wäre bestimmt sofort eingesprungen. Apropros eingesprugen: Jann-Fiete Arp (geboren am 06.01.2000!) ist ja mal eben als Retter des HSV eingesprungen. Man vergisst nur so schnell, dass sie mit zehn Punkten immer noch am Rande des Wahnsinns stehen. Arp macht sein Tor, aber bevor Lotto King Karl den Doppelnamen abliest, hat Hoffenheim schon ausgeglichen und drückt die Murmel in der Nachspielzeit noch einmal über die Linie. So bitter ist das manchmal.

So 26.11. 18:00
1. FC Köln – Hertha BSC 2:1

Hallo! Nicht schon ins Bett gehen. Der Leckerbissen dieser Tage kommt ganz zum Schluss. Köln will mit dem Kopf durch die Wand und dieses Mal gelingt es. Der erste Sieg in dieser Saison. Und das ausgerechnet an einem Sonntag Abend. Wo geht man denn jetzt noch feiern? Aber das wird den Kölnern egal sein, denn wahrscheinlich wird es auch der letzte Sieg in diesem Kalenderjahr. Das lässt zumindest das Restprogramm vermuten. Hertha ist auch froh wenn diese Woche und dieser Monat vorbei ist. Im Dezember geht es wieder nach oben. Zwei bis drei Plätze zumindest.

Warum bist du Hansa Rostock Fan?

Eigentlich frage ich mich das auch manchmal. Es hätte so einfach sein können. Im Sommer 1995 stand mein Großvater vor meinem Cousin und mir und hielt jeweils einen Schal in der linken und rechten Hand. Jeder durfte einen haben. Mein Cousin entschied sich recht schnell und weise für den gelb-schwarzen Schal des amtierenden deutschen Meisters Borussia Dortmund. Mir blieb nichts anderes übrig, als den blau-weiß-roten Schal mit der Kogge an mich zu nehmen. Es war passiert. Das Schicksal hatte zugeschlagen und einem weiteren Jungen große Teile seiner Zukunft vorherbestimmt.

Während mein Cousin kurz darauf den Champions-League Sieg feierte und sein Zimmer mit Postern von Lars Ricken und Stefan Klos tapezierte, hingen an meiner Wand irgendwann Poster von Stefan Beinlich und Jonathan Akpoborie. Aber leider auch von Thomas Gansauge, Hilmar Weilandt, Henry Fuchs und Slawomir Chalaskewiecz. Weil das nicht genug Strafe war, durfte ich sehr viel später auch noch Partien gegen die zweite Mannschaft des FSV Mainz 05 oder Traditionsclubs wie Wehen Wiesbaden und den SV Sandhausen verfolgen.

Hansa Rostock in der Bundesliga – mittlerweile schwer vorstellbar

Im Gegensatz zu den Kindern die heute in Mecklenburg-Vorpommern aufwachsen, hatte ich jedoch das Glück, Fußballfan zu werden als Hansa Rostock gerade in die erste Bundesliga aufgestiegen war. Ein Zustand den man sich mittlerweile nur nach einer respektablen Menge Lübzer Pils vorstellen kann. So konnte ich jeden Samstag die Spiele der Kogge im Fernsehen verfolgen und lernte schon früh was es heißt, sich mit wenig zufrieden zu geben.

1997 beschloss mein Vater, dass es an der Zeit war, ein Spiel live im Ostseestadion zu verfolgen. Um die Wahrscheinlichkeit eines Sieges so gering wie möglich zu halten und mir für immer die Bedeutung der Demut näher zu bringen, erwarb er Karten für das Heimspiel gegen den FC Bayern München.

Es war ein ein warmer Tag im August. Der fünfte Spieltag der laufenden Saison. Beide Mannschaften hatten sieben Punkte eingesammelt und lagen damit in der Tabelle gleich auf. Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutet. Vor mir lief ein Fan der statt einer Hose einen Rock aus Schals trug. Seine Jeansjacke war beinahe restlos mit Aufnähern bestickt. Er hatte hinten langes Haar, vorne einen schlecht selbstgeschnittenen Pony und schlug mit einem Stock im Takt auf seine Trommel. Dabei gröhlte er etwas von “Lederhosen” die man “ausziehen” sollte. Ich war hin und weg.

An den Bratwurstbuden standen Männer mit abgenutzten Fischermützen, sie trugen Trikots die ein paar Nummern zu klein geworden waren und unterhielten sich mit einer einer Direktheit und einer Sprache, die mir noch heute imponiert. “Da hätteste auch ein Hemd ins Tor hääängen können!” war einer der Sätze die ich nie vergessen werde. Oder aber Perlen in feinstem mecklenburgisch wie “Die Kasper gehen 17:30 schön nach Hause und gucken Sandmann, und wir müssen uns das Gegurke schön trinken.”

In der ersten Halbzeit habe ich vom Spiel nicht viel gesehen. Dies lag zum einen daran, dass ich unglaublich aufgeregt war und mir zunächst sämtliche Fahnen, Trikots und kuriose Gestalten um mich herum angucken musste. Zum anderen lag es an zwei Männern mittleren Alters, die schon nach zehn Minuten versuchten den alten, wackligen Zaun direkt vor uns zu erklimmen. Eine Kombination aus Alkohol und Mittagshitze verhinderte aber einen Klettererfolg, sodass sie irgendwo in der Mitte hängen blieben, den Oberkörper durch die schmale Öffnung schoben und der Rest von ihnen auf unserer Augenhöhe hängen blieb.

Nach einer Stunde klingelte es zum ersten Mal im Tor der Rostocker. Mehmet Scholl erzielte das 1:0. Kurz darauf legte Christian Nerlinger, der später Uli Hoeneß beerben sollte und dann von Uli Hoeneß beerbt wurde, das 2:0 nach. Aus den hinteren Reihen forderte jemand, dass man besser ein Hemd ins Tor hängen sollte.

Anschlusstreffer durch Pamic

Ewald Lienen, damaliger Trainer von Hansa Rostock, fiel jedoch etwas besseres ein. Er brachte Igor Pamic. Ein Kroate, der für mich als Kind gefühlt 2,50 m groß war und der seinerzeit von den Vereinsbossen sicherlich nur aus Angst verpflichtet wurde. Dieser glatzköpfige Kroate, von dem mein Vater behauptete, er könne mit seinem Schuss dem Torwart die Finger brechen, erzielte fünf Minuten vor Abpfiff den Anschlusstreffer für Hansa. In diesem Moment, in der 85. Minute trotz Rückstand, erfuhr ich zum ersten Mal was es bedeutet, Fan eines Fußballclubs zu sein. Die angestaute Wut und Verzweiflung wurde in Euphorie und Hoffnung umgewandelt. Innerhalb von Sekunden bekamen tausende Menschen in blau-weißen Klamotten und mit roten Köpfen den Mut, hier doch nicht als Verlierer vom Platz zu gehen. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, die zwei Männer im Zaun, kletterten wieder hinunter und jubelten in der Menge mit und ich hatte zum ersten mal einen vernünftigen Blick auf das Spielfeld.

Was ich jedoch zu diesem Zeitpunkt in meiner kindlichen Naivität noch unterschätzte – es handelte sich um Hansa Rostock. Die Mannschaft, die es schafft ihre Fans in kürzester Zeit in Extase zu versetzen und in noch viel kürzerer Zeit alles wieder einreißt und mindestens doppelt so schlimm macht. Mein Vater beschrieb diesen Umstand Jahre später mit dem Vergleich eines Freundes, der dich auf 5 Bier einlädt und danach merkt, dass er gar kein Geld dabei hat.

Zwei Minuten später war es wieder eine Glatze, leider jedoch die von Carsten Jancker, einem ehemaligen Spieler aus der Jugend von Hansa Rostock, der die Hoffnung auf eine Punkteteilung schnell erstickte. Hansa Rostock verlor das Spiel mit 1:3 gegen den FC Bayern München. Eine Niederlage die mir trotzdem kaum weh tat. Allein wenn ich daran denke, wie gern ich heute mal wieder mit 1:3 gegen die Bayern verlieren würde. Diese wurden am Ende der Saison Vizemeister. Otto Rehagel schaffte mit Kaiserslautern etwas einmaliges und wurde als Aufsteiger Deutscher Meister. Hansa Rostock wurde am Ende Sechster und spielte die beste Saison in der Bundesligageschichte des Vereins.

Mein Vater und ich fuhren nach Hause. Ich hatte eine neue Welt kennengelernt und das Ergebnis interessierte mich kaum. Wir klemmten meinen Schal ins Autofenster und ließen ihn im Fahrtwind flattern. Es war offiziell. Ich war vergeben.

Warum spielt Toni Kroos bei Real Madrid und du nicht?

Im Leben eines Mannes kommt irgendwann der Tag, an dem er sein eigenes Leben anders als zuvor betrachtet. Bei Amateurfußballern und Fußballfans ist das meist der Tag, an dem ein debütierender Spieler der Nationalmannschaft jünger ist, als man selbst. Die Illusion, man könnte es doch noch nach oben schaffen, schwindet endgültig und zum ersten Mal jubelt man tatsächlich einem Jüngeren zu. Im Fußballfan passiert dann etwas merkwürdiges. Ab diesem Tag hört man auf, neue Idole zu haben, sondern konzentriert sich umso mehr auf die, die man bereits hat und die älter sind als man selbst. Gleichzeitig wird die Begeisterung für den eigenen Verein größer und jüngere Spieler werden ab sofort kritischer betrachtet.

Toni Kroos bestritt sein erstes Spiel für die deutsche Nationalmannschaft am 03.03.2010 gegen Argentinien. Er war damals 20 Jahre alt und wurde für Thomas Müller eingewechselt, der ebenfalls an diesem Tag im Alter von 20 Jahren sein Debüt feierte. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch zwanzig, allerdings ein paar Monate älter als die beiden und verträumte meine ersten Semesterferien. Toni Kroos ist mittlerweile Weltmeister und wird bei Real Madrid von meinem Idol Zinedine Zidane trainiert.

Irgendwann erwähnte ich eher beiläufig beim Lesen eines Artikels über ihn, dass Toni Kroos, genau wie ich, in Greifwald aufgewachsen und ein halbes Jahr jünger ist. Ich hielt das Foto von ihm hoch und meine Freundin erwiderte: „Und warum spielt Toni Kroos jetzt bei Real Madrid und du nicht?“. Nun ja. Dass Toni Kroos ein hochveranlagter Spieler ist, konnte man schon in Kindertagen sehen. Soweit ich mich erinnern kann, war er immer der beste Spieler seiner Mannschaft und spielte auch bei den älteren Jahrgängen alle an die Wand. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst nie mit ihm in einer Mannschaft gespielt habe, da meine fußballerischen Fähigkeiten schon zu Schulzeiten nicht einmal für die beste Mannschaft der Kleinstadt Greifswald reichten. Stattdessen hatte ich die Ehre, Toni und seinem Bruder Felix bei diversen Spielen hinterher zulaufen und ihnen beim Jubeln zuzugucken. Während wir zweimal in der Woche trainierten, dribbelte Toni jeden Tag den Platz hoch und runter. Fuhren wir nach Hause, strampelte er auf seinem Fahrrad an uns vorbei und drehte noch Extrarunden im Wald.

Toni Kroos spielte Fußball, ich aß Torte

Jahre später erzählte mir ein Freund, dass selbst zum Kindergeburtstag im Hause Kroos, nur die besten Spieler der Mannschaft und Schulklasse eingeladen wurden. Nach einem kleinen Stück Kuchen konnte so der Nachmittag im Garten wenigstens noch für eine Trainingseinheit mit der Stadtauswahl genutzt werden, ohne dass man sich mit Amateuren aufhalten musste. Ich hingegen verdrückte an meinem Kindergeburtstag Kuchen und Limo bis die Zähne beinahe freiwillig auswanderten, kroch schwer keuchend mit verbundenen Augen über die Auslegeware und drosch mit einem Kochlöffel allen Gästen auf die Füße, bis ich endlich den Topf traf. Darunter verborgen sich dann in der Regel weitere Blombenzieher.

Meine Erfolge im Fußball halten sich in Grenzen. Nach der ersten Saison in der C-Jugend habe ich mich im Verein abgemeldet. Toni Kroos spielte zu dem Zeitpunkt bereits bei Hansa Rostock und wechselte wenige Jahre später zu Bayern München. Als Student wagte ich noch einmal für eine Saison das Comeback auf die große Fußballbühne. Unser Verein hielt durch grobe Schiebereien am grünen Tisch die Klasse, da die Liga wie von Zauberhand um einen Verein aufgestockt wurde. Die gesamte Saison suchte ich meine Form und saß größtenteils auf der Bank. In einem der letzten Spiele musste ich 90 Minuten im rechten Mittelfeld spielen. Der Position für geborene Läufer. Trotzdem hielt ich erstaunlich gut mit und konnte meinem Gegenspieler des öfteren den Ball abjagen ohne mir selbst die Füße zu brechen. Das Spiel endete Unentschieden und ich hatte mir endlich einmal nichts zu Schulden kommen lassen. Beim Abklatschen lobte ich meinen Gegenspieler und er sagte zu mir: „Danke, hätte nicht gedacht, dass ich mit meinen 45 Jahren noch so mithalten kann. Habe hier heute nur ausgeholfen.“

Ob dieser Moment schlimmer war, als die Einwechslung von Toni Kroos im Spiel gegen Argentinien, kann ich im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Kroos ist ein begnadeter Fußballer, der neben dem nötigen Talent immer den Willen und die richtigen Förderer an seiner Seite hatte. Außerdem trifft er auf und neben dem Platz die richtigen Entscheidungen, spielt zurecht bei Real Madrid und gewinnt morgen wahrscheinlich die Champions League. Die gleiche Heimatstadt zu haben, sagt dann doch eher wenig über den späteren Lebensweg aus.

Wann warst du zum ersten Mal in Magdeburg im Stadion?

Diesen Text habe ich im November 2009 geschrieben. Damals hat der 1. FC Magdeburg noch in der dreigleisigen Regionalliga unter anderem gegen die zweite Mannschaft von Hansa Rostock gespielt. Die erste Mannschaft von Hansa Rostock spielte seinerzeit zwei Ligen darüber in der zweiten Liga und dementsprechend großkotzig schaute ich damals das Spiel gegen TeBe Berlin. Und die Jungs, die ich damals kaum kannte, sind heute meine Freunde.

Ein kalter Morgen. Mein Kopf ist noch schwer und Durst habe ich auch. Gestern war ich zum ersten Mal in der neuen Stadt so richtig unterwegs. Am liebsten würde ich einfach im Bett liegen bleiben, mir die zweite Liga in Jogginghose anschauen und nebenbei langsam versuchen etwas Essen bei mir zu behalten. Aber das geht heute nicht.

Denn nach der ersten Tour durch die Kneipen, folgt heute das erste Spiel. Magdeburg gegen TeBe Berlin. Die haben doch vor Jahren mal zweite Liga gespielt? Und die Matte von Winnie Schäfer kann ich mit TeBe auch noch in Verbindung bringen. Magdeburg hat nach der Wende noch nie Profifußball gesehen, jede entscheidende Relegation gnadenlos verbockt und Winnie Schäfer war hier garantiert noch nie. Ich ziehe mir also doch meine Jeans an. Sie riecht noch nach der letzten Nacht. Aber wen stört das beim Fußball? Mich heute nicht. Ich will den Tag hinter mich bringen, denn mir geht es nicht wirklich gut.

Es ist Sonntag und Ende November. Der „Club“ – nicht Nürnberg – hier ist Magdeburg der Club, spielt keine gute Saison. Am letzten Wochenende gab es eine 0:1 Niederlage gegen Oberneuland. Die kennt man vielleicht noch aus dem DFB Pokal oder wenn man aus Bremen kommt. Magdeburg steht auf dem 5. Platz der Regionalliga Nord und hat schon 9 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer Babelsberg. Die haben doch auch mal in der zweiten Liga gespielt? Bloß laut sagen darf man das hier nicht. Zu groß ist der Frust, weil der Club es nie gepackt hat. Obwohl die Voraussetzungen weitaus besser sind als in der Stadt von Günther Jauch.

Da ich noch ziemlich neu bin, wollen mich ein paar Leute mitnehmen. Und die wollen auch nicht hören, dass TeBe schon mal in der zweiten Liga gespielt hat. ,,Aber jetzte spielen die hieor. Fertich.“ Doch keiner kommt zum Treffpunkt. Ich weiß nicht mal genau, welche Bahn ich nehmen muss. Eine SMS sagt mir: „Wir treffen uns am Stadion. Aber du kannst mit Schwark fahren.“ Schwark also. Seine Nummer bekomme ich auch dazu. Als ich ihn anrufe, mich vorstelle – wie man sich eben vor einem Spiel vorstellt – verspricht er mir, gleich zu kommen.

In der Zwischenzeit hole ich mir noch beim Türken etwas zu Essen und eine Fanta. Wenn sie kalt ist, ist sie sehr zu empfehlen. Durch meine Kopfhörer singt Marcus Wiebusch von Kettcar: „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur.“ Wo er Recht hat er Recht. Das Lied passt zu meiner Stimmung. Es ist kalt aber ruhig. Und so langsam kommt trotz der Kopfschmerzen Vorfreude auf.

Schwark findet mich an der Haltestelle. Wir begrüßen uns und irgendwie sind wir uns sympathisch. So wie er lächelt, war er gestern mindestens genauso lang unterwegs und wir wissen beide sofort Bescheid. Ich biete ihm den Rest von meinem Döner an. Er lehnt ab. Er isst kein Fleisch – raucht aber wie ein Schlot. Warum nicht. In den letzten Jahren ist er auch nicht mehr mit der Bahn zum Stadion gefahren und weiß auch nicht so wirklich, welche die richtige ist. Wir haben aber Glück und nehmen instinktiv die 6. Wobei wir eigentlich beide wissen, dass wir dem Opa mit dem Sitzkissen gefolgt sind.

Ich kann die ersten Fangruppen erkennen. Anti-Halle- und Anti-Dresden-Tiraden an den Wänden und Plakaten. „Wir sind die Größten der Welt“ – die Melodie dieses Gesangs setzt sich sofort fest. Wir treffen die anderen, holen unsere Karten und ich bekomme das erste Bier des Tages in die Hand gedrückt. Mein Magen schreit „Nein“, mein Kopf sagt „Hör auf den Magen“ – „Wir sind die Grööööööößten der Weeeeelt“ – und schon ist das Bier leer. Nach den ersten geschüttelten Händen, klinke ich mich ein wenig aus und schaue mich um.

Nicht zu fassen. All diese Fans rennen seit Jahren zu ihrem Club und haben noch nicht ein einziges Spiel in der zweiten Liga gesehen. Vielen ist die Unbekümmertheit anzusehen. Sie haben sich damit abgefunden und jeder Erfolg ist nur eine kleine Aufmerksamkeit und versüßt höchstens die Woche.

Aber vielen anderen kann man ansehen, dass ihre einzig verbliebende Leidenschaft der Fußball ist. Gute Menschen die vielleicht nichts Anderes haben? Ihre schönsten und traurigsten Momente haben sie vielleicht hier erlebt oder verarbeitet. Man merkt, dass die ganze Woche darin besteht, auf das Wochenende zu warten. Rauskommen, unter Leute gehen und auf einen kleinen Lichtblick hoffen. Ein paar Tausend sind hier. Ein paar Tausend Lichtblicke wären das.

So hat jeder seinen eigenen Bezug zum Fußball. Um mich zu bedanken, dass ich mitkommen darf, gebe ich die nächste Runde aus. Die Jungs sind wirklich nett und ich lerne noch viel mehr über den Club. Vom legendären Sieg im Europapokal 1974 habe ich natürlich gehört. Aber dass Relegationen hier noch nie gut ankamen oder das Jürgen Sparwasser für ein Autogramm auch von kleinen Kindern heutzutage gern 4 € verlangt, wusste ich noch nicht. Wir gehen in den Block. Ein Stehblock. Sympathisch. Die moderne MDCC-Arena hat fast nur noch Sitzplätze, aber wir stehen.

Zum Sitzen wären wir sowieso nicht gekommen. Der Club spielt einen Fußball der mindestens in die zweite Liga gehört. Der Torwart von TeBe Berlin scheint noch im Bus zu sitzen oder denkt an Winnie Schäfer. Die Tore fallen am Fließband. Der höchste Sieg der Saison. 7:0. So was haben sie hier lange nicht gesehen, jedenfalls singen sie das. Aber irgendwie kann ich das nicht glauben. Das kann doch nicht die Regionalliga Nord sein. So ein Stadion, diese Fans, und dann dieser Fußball. Ich fühle mich wirklich wohl. Natürlich sind alle Fußballfans abergläubisch und so wird mir schon nach dem 4:0 gesagt, dass ich jetzt immer mitkommen muss. Na gut. Nach den nächsten Bechern überhaupt kein Problem. Überredet. „Wir sind die Größten der Welt“ beginne ich jetzt auch manchmal mitzusingen. Die Berliner können es kaum glauben, aber sie haben gnadenlos verloren und kriechen vom Platz. Das Spiel zieht an mir vorbei, aber ich bin begeistert.

Nach dem Spiel bleiben wir noch einen Moment vor dem Stadion stehen und ich kann wieder ein paar Leute beobachten. Es scheint, als ob neuer Mut in den Gesichtern keimt. Das kann doch nicht dieses eine Spiel bewirkt haben? Aber es ist so. Eine trostlose Woche hat ein grandioses Ende genommen und bis zum nächsten Morgen vergehen noch viele Stunden in denen dieses Glücksgefühl fest besteht. Doch dann geht es wieder von vorn los und nur Wenige werden die Kraft haben, dieses Gefühl für ihren eigenen 7:0 Sieg zu nutzen. Aber mir wird klar, was der Fußball bewegen kann und worin die Aufgabe einer Mannschaft besteht. Für die Menschen, die ins Stadion kommen und manchmal keine Antwort auf ihren Trost finden, da zu sein.

Wir bestellen die letzte Runde. „Wir sind die Größten der Welt“. Und mir fällt der Kettcar-Song wieder ein. „Sehr schön auf Trost, reimt sich immer noch Prost.“



Magdeburg hat mittlerweile gezeigt, wie man in der Relegation spielen muss. Gegen Kickers Offenbach hat sich die Mannschaft im Sommer 2015 für die dritte Liga qualifiziert. Und auch dort hat Magdeburg einfach weiter gemacht. Die Menschen sind zu Tausenden ins Stadion gekommen. Kein Vergleich zum November 2009. Doch die wenigen, die ich damals beschrieben habe, haben durchgehalten. Ich würde gern wissen, wie sie sich im letzten Jahr gefühlt haben.

Und nur drei Jahre später geht es für den FCM in der zweiten Bundesliga weiter. Eine grandiose Saison wurde beim ausverkauften Heimspiel vier Spieltage vor Schluss mit dem Aufstieg belohnt. Schöner kann man wohl nicht aufsteigen.