Warum spielt Toni Kroos bei Real Madrid und du nicht?

Im Leben eines Mannes kommt irgendwann der Tag, an dem er sein eigenes Leben anders als zuvor betrachtet. Bei Amateurfußballern und Fußballfans ist das meist der Tag, an dem ein debütierender Spieler der Nationalmannschaft jünger ist, als man selbst. Die Illusion, man könnte es doch noch nach oben schaffen, schwindet endgültig und zum ersten Mal jubelt man tatsächlich einem Jüngeren zu. Im Fußballfan passiert dann etwas merkwürdiges. Ab diesem Tag hört man auf, neue Idole zu haben, sondern konzentriert sich umso mehr auf die, die man bereits hat und die älter sind als man selbst. Gleichzeitig wird die Begeisterung für den eigenen Verein größer und jüngere Spieler werden ab sofort kritischer betrachtet.

Toni Kroos bestritt sein erstes Spiel für die deutsche Nationalmannschaft am 03.03.2010 gegen Argentinien. Er war damals 20 Jahre alt und wurde für Thomas Müller eingewechselt, der ebenfalls an diesem Tag im Alter von 20 Jahren sein Debüt feierte. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch zwanzig, allerdings ein paar Monate älter als die beiden und verträumte meine ersten Semesterferien. Toni Kroos ist mittlerweile Weltmeister und wird bei Real Madrid von meinem Idol Zinedine Zidane trainiert.

Irgendwann erwähnte ich eher beiläufig beim Lesen eines Artikels über ihn, dass Toni Kroos, genau wie ich, in Greifwald aufgewachsen und ein halbes Jahr jünger ist. Ich hielt das Foto von ihm hoch und meine Freundin erwiderte: „Und warum spielt Toni Kroos jetzt bei Real Madrid und du nicht?“. Nun ja. Dass Toni Kroos ein hochveranlagter Spieler ist, konnte man schon in Kindertagen sehen. Soweit ich mich erinnern kann, war er immer der beste Spieler seiner Mannschaft und spielte auch bei den älteren Jahrgängen alle an die Wand. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst nie mit ihm in einer Mannschaft gespielt habe, da meine fußballerischen Fähigkeiten schon zu Schulzeiten nicht einmal für die beste Mannschaft der Kleinstadt Greifswald reichten. Stattdessen hatte ich die Ehre, Toni und seinem Bruder Felix bei diversen Spielen hinterher zulaufen und ihnen beim Jubeln zuzugucken. Während wir zweimal in der Woche trainierten, dribbelte Toni jeden Tag den Platz hoch und runter. Fuhren wir nach Hause, strampelte er auf seinem Fahrrad an uns vorbei und drehte noch Extrarunden im Wald.

Toni Kroos spielte Fußball, ich aß Torte

Jahre später erzählte mir ein Freund, dass selbst zum Kindergeburtstag im Hause Kroos, nur die besten Spieler der Mannschaft und Schulklasse eingeladen wurden. Nach einem kleinen Stück Kuchen konnte so der Nachmittag im Garten wenigstens noch für eine Trainingseinheit mit der Stadtauswahl genutzt werden, ohne dass man sich mit Amateuren aufhalten musste. Ich hingegen verdrückte an meinem Kindergeburtstag Kuchen und Limo bis die Zähne beinahe freiwillig auswanderten, kroch schwer keuchend mit verbundenen Augen über die Auslegeware und drosch mit einem Kochlöffel allen Gästen auf die Füße, bis ich endlich den Topf traf. Darunter verborgen sich dann in der Regel weitere Blombenzieher.

Meine Erfolge im Fußball halten sich in Grenzen. Nach der ersten Saison in der C-Jugend habe ich mich im Verein abgemeldet. Toni Kroos spielte zu dem Zeitpunkt bereits bei Hansa Rostock und wechselte wenige Jahre später zu Bayern München. Als Student wagte ich noch einmal für eine Saison das Comeback auf die große Fußballbühne. Unser Verein hielt durch grobe Schiebereien am grünen Tisch die Klasse, da die Liga wie von Zauberhand um einen Verein aufgestockt wurde. Die gesamte Saison suchte ich meine Form und saß größtenteils auf der Bank. In einem der letzten Spiele musste ich 90 Minuten im rechten Mittelfeld spielen. Der Position für geborene Läufer. Trotzdem hielt ich erstaunlich gut mit und konnte meinem Gegenspieler des öfteren den Ball abjagen ohne mir selbst die Füße zu brechen. Das Spiel endete Unentschieden und ich hatte mir endlich einmal nichts zu Schulden kommen lassen. Beim Abklatschen lobte ich meinen Gegenspieler und er sagte zu mir: „Danke, hätte nicht gedacht, dass ich mit meinen 45 Jahren noch so mithalten kann. Habe hier heute nur ausgeholfen.“

Ob dieser Moment schlimmer war, als die Einwechslung von Toni Kroos im Spiel gegen Argentinien, kann ich im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Kroos ist ein begnadeter Fußballer, der neben dem nötigen Talent immer den Willen und die richtigen Förderer an seiner Seite hatte. Außerdem trifft er auf und neben dem Platz die richtigen Entscheidungen, spielt zurecht bei Real Madrid und gewinnt morgen wahrscheinlich die Champions League. Die gleiche Heimatstadt zu haben, sagt dann doch eher wenig über den späteren Lebensweg aus.

Wann warst du zum ersten Mal in Magdeburg im Stadion?

Diesen Text habe ich im November 2009 geschrieben. Damals hat der 1. FC Magdeburg noch in der dreigleisigen Regionalliga unter anderem gegen die zweite Mannschaft von Hansa Rostock gespielt. Die erste Mannschaft von Hansa Rostock spielte seinerzeit zwei Ligen darüber in der zweiten Liga und dementsprechend großkotzig schaute ich damals das Spiel gegen TeBe Berlin. Und die Jungs, die ich damals kaum kannte, sind heute meine Freunde.

Ein kalter Morgen. Mein Kopf ist noch schwer und Durst habe ich auch. Gestern war ich zum ersten Mal in der neuen Stadt so richtig unterwegs. Am liebsten würde ich einfach im Bett liegen bleiben, mir die zweite Liga in Jogginghose anschauen und nebenbei langsam versuchen etwas Essen bei mir zu behalten. Aber das geht heute nicht.

Denn nach der ersten Tour durch die Kneipen, folgt heute das erste Spiel. Magdeburg gegen TeBe Berlin. Die haben doch vor Jahren mal zweite Liga gespielt? Und die Matte von Winnie Schäfer kann ich mit TeBe auch noch in Verbindung bringen. Magdeburg hat nach der Wende noch nie Profifußball gesehen, jede entscheidende Relegation gnadenlos verbockt und Winnie Schäfer war hier garantiert noch nie. Ich ziehe mir also doch meine Jeans an. Sie riecht noch nach der letzten Nacht. Aber wen stört das beim Fußball? Mich heute nicht. Ich will den Tag hinter mich bringen, denn mir geht es nicht wirklich gut.

Es ist Sonntag und Ende November. Der „Club“ – nicht Nürnberg – hier ist Magdeburg der Club, spielt keine gute Saison. Am letzten Wochenende gab es eine 0:1 Niederlage gegen Oberneuland. Die kennt man vielleicht noch aus dem DFB Pokal oder wenn man aus Bremen kommt. Magdeburg steht auf dem 5. Platz der Regionalliga Nord und hat schon 9 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer Babelsberg. Die haben doch auch mal in der zweiten Liga gespielt? Bloß laut sagen darf man das hier nicht. Zu groß ist der Frust, weil der Club es nie gepackt hat. Obwohl die Voraussetzungen weitaus besser sind als in der Stadt von Günther Jauch.

Da ich noch ziemlich neu bin, wollen mich ein paar Leute mitnehmen. Und die wollen auch nicht hören, dass TeBe schon mal in der zweiten Liga gespielt hat. ,,Aber jetzte spielen die hieor. Fertich.“ Doch keiner kommt zum Treffpunkt. Ich weiß nicht mal genau, welche Bahn ich nehmen muss. Eine SMS sagt mir: „Wir treffen uns am Stadion. Aber du kannst mit Schwark fahren.“ Schwark also. Seine Nummer bekomme ich auch dazu. Als ich ihn anrufe, mich vorstelle – wie man sich eben vor einem Spiel vorstellt – verspricht er mir, gleich zu kommen.

In der Zwischenzeit hole ich mir noch beim Türken etwas zu Essen und eine Fanta. Wenn sie kalt ist, ist sie sehr zu empfehlen. Durch meine Kopfhörer singt Marcus Wiebusch von Kettcar: „Mein Skateboard kriegt mein Zahnarzt, den Rest kriegt mein Friseur.“ Wo er Recht hat er Recht. Das Lied passt zu meiner Stimmung. Es ist kalt aber ruhig. Und so langsam kommt trotz der Kopfschmerzen Vorfreude auf.

Schwark findet mich an der Haltestelle. Wir begrüßen uns und irgendwie sind wir uns sympathisch. So wie er lächelt, war er gestern mindestens genauso lang unterwegs und wir wissen beide sofort Bescheid. Ich biete ihm den Rest von meinem Döner an. Er lehnt ab. Er isst kein Fleisch – raucht aber wie ein Schlot. Warum nicht. In den letzten Jahren ist er auch nicht mehr mit der Bahn zum Stadion gefahren und weiß auch nicht so wirklich, welche die richtige ist. Wir haben aber Glück und nehmen instinktiv die 6. Wobei wir eigentlich beide wissen, dass wir dem Opa mit dem Sitzkissen gefolgt sind.

Ich kann die ersten Fangruppen erkennen. Anti-Halle- und Anti-Dresden-Tiraden an den Wänden und Plakaten. „Wir sind die Größten der Welt“ – die Melodie dieses Gesangs setzt sich sofort fest. Wir treffen die anderen, holen unsere Karten und ich bekomme das erste Bier des Tages in die Hand gedrückt. Mein Magen schreit „Nein“, mein Kopf sagt „Hör auf den Magen“ – „Wir sind die Grööööööößten der Weeeeelt“ – und schon ist das Bier leer. Nach den ersten geschüttelten Händen, klinke ich mich ein wenig aus und schaue mich um.

Nicht zu fassen. All diese Fans rennen seit Jahren zu ihrem Club und haben noch nicht ein einziges Spiel in der zweiten Liga gesehen. Vielen ist die Unbekümmertheit anzusehen. Sie haben sich damit abgefunden und jeder Erfolg ist nur eine kleine Aufmerksamkeit und versüßt höchstens die Woche.

Aber vielen anderen kann man ansehen, dass ihre einzig verbliebende Leidenschaft der Fußball ist. Gute Menschen die vielleicht nichts Anderes haben? Ihre schönsten und traurigsten Momente haben sie vielleicht hier erlebt oder verarbeitet. Man merkt, dass die ganze Woche darin besteht, auf das Wochenende zu warten. Rauskommen, unter Leute gehen und auf einen kleinen Lichtblick hoffen. Ein paar Tausend sind hier. Ein paar Tausend Lichtblicke wären das.

So hat jeder seinen eigenen Bezug zum Fußball. Um mich zu bedanken, dass ich mitkommen darf, gebe ich die nächste Runde aus. Die Jungs sind wirklich nett und ich lerne noch viel mehr über den Club. Vom legendären Sieg im Europapokal 1974 habe ich natürlich gehört. Aber dass Relegationen hier noch nie gut ankamen oder das Jürgen Sparwasser für ein Autogramm auch von kleinen Kindern heutzutage gern 4 € verlangt, wusste ich noch nicht. Wir gehen in den Block. Ein Stehblock. Sympathisch. Die moderne MDCC-Arena hat fast nur noch Sitzplätze, aber wir stehen.

Zum Sitzen wären wir sowieso nicht gekommen. Der Club spielt einen Fußball der mindestens in die zweite Liga gehört. Der Torwart von TeBe Berlin scheint noch im Bus zu sitzen oder denkt an Winnie Schäfer. Die Tore fallen am Fließband. Der höchste Sieg der Saison. 7:0. So was haben sie hier lange nicht gesehen, jedenfalls singen sie das. Aber irgendwie kann ich das nicht glauben. Das kann doch nicht die Regionalliga Nord sein. So ein Stadion, diese Fans, und dann dieser Fußball. Ich fühle mich wirklich wohl. Natürlich sind alle Fußballfans abergläubisch und so wird mir schon nach dem 4:0 gesagt, dass ich jetzt immer mitkommen muss. Na gut. Nach den nächsten Bechern überhaupt kein Problem. Überredet. „Wir sind die Größten der Welt“ beginne ich jetzt auch manchmal mitzusingen. Die Berliner können es kaum glauben, aber sie haben gnadenlos verloren und kriechen vom Platz. Das Spiel zieht an mir vorbei, aber ich bin begeistert.

Nach dem Spiel bleiben wir noch einen Moment vor dem Stadion stehen und ich kann wieder ein paar Leute beobachten. Es scheint, als ob neuer Mut in den Gesichtern keimt. Das kann doch nicht dieses eine Spiel bewirkt haben? Aber es ist so. Eine trostlose Woche hat ein grandioses Ende genommen und bis zum nächsten Morgen vergehen noch viele Stunden in denen dieses Glücksgefühl fest besteht. Doch dann geht es wieder von vorn los und nur Wenige werden die Kraft haben, dieses Gefühl für ihren eigenen 7:0 Sieg zu nutzen. Aber mir wird klar, was der Fußball bewegen kann und worin die Aufgabe einer Mannschaft besteht. Für die Menschen, die ins Stadion kommen und manchmal keine Antwort auf ihren Trost finden, da zu sein.

Wir bestellen die letzte Runde. „Wir sind die Größten der Welt“. Und mir fällt der Kettcar-Song wieder ein. „Sehr schön auf Trost, reimt sich immer noch Prost.“



Magdeburg hat mittlerweile gezeigt, wie man in der Relegation spielen muss. Gegen Kickers Offenbach hat sich die Mannschaft im Sommer 2015 für die dritte Liga qualifiziert. Und auch dort hat Magdeburg einfach weiter gemacht. Die Menschen sind zu Tausenden ins Stadion gekommen. Kein Vergleich zum November 2009. Doch die wenigen, die ich damals beschrieben habe, haben durchgehalten. Ich würde gern wissen, wie sie sich im letzten Jahr gefühlt haben.