Warum bist du Hansa Rostock Fan?

Eigentlich frage ich mich das auch manchmal. Es hätte so einfach sein können. Im Sommer 1995 stand mein Großvater vor meinem Cousin und mir und hielt jeweils einen Schal in der linken und rechten Hand. Jeder durfte einen haben. Mein Cousin entschied sich recht schnell und weise für den gelb-schwarzen Schal des amtierenden deutschen Meisters Borussia Dortmund. Mir blieb nichts anderes übrig, als den blau-weiß-roten Schal mit der Kogge an mich zu nehmen. Es war passiert. Das Schicksal hatte zugeschlagen und einem weiteren Jungen große Teile seiner Zukunft vorherbestimmt.

Während mein Cousin kurz darauf den Champions-League Sieg feierte und sein Zimmer mit Postern von Lars Ricken und Stefan Klos tapezierte, hingen an meiner Wand irgendwann Poster von Stefan Beinlich und Jonathan Akpoborie. Aber leider auch von Thomas Gansauge, Hilmar Weilandt, Henry Fuchs und Slawomir Chalaskewiecz. Weil das nicht genug Strafe war, durfte ich sehr viel später auch noch Partien gegen die zweite Mannschaft des FSV Mainz 05 oder Traditionsclubs wie Wehen Wiesbaden und den SV Sandhausen verfolgen.

Hansa Rostock in der Bundesliga – mittlerweile schwer vorstellbar

Im Gegensatz zu den Kindern, die heute in Mecklenburg-Vorpommern aufwachsen, hatte ich jedoch das Glück, Fußballfan zu werden, als Hansa Rostock gerade in die erste Bundesliga aufgestiegen war. Ein Zustand den man sich mittlerweile nur nach einer respektablen Menge Lübzer Pils vorstellen kann. So konnte ich jeden Samstag die Spiele der Kogge im Fernsehen verfolgen, und lernte schon früh, was es heißt, sich mit wenig zufrieden zu geben.

1997 beschloss mein Vater, dass es an der Zeit war, ein Spiel live im Ostseestadion zu verfolgen. Um die Wahrscheinlichkeit eines Sieges so gering wie möglich zu halten und mir für immer die Bedeutung der Demut näher zu bringen, erwarb er Karten für das Heimspiel gegen den FC Bayern München.

Es war ein ein warmer Tag im August. Der fünfte Spieltag der laufenden Saison. Beide Mannschaften hatten sieben Punkte eingesammelt und lagen damit in der Tabelle gleich auf. Damals wusste ich noch nicht, was das bedeutet. Vor mir lief ein Fan, der statt einer Hose einen Rock aus Schals trug. Seine Jeansjacke war beinahe restlos mit Aufnähern bestickt. Er hatte hinten langes Haar, vorne einen schlecht selbstgeschnittenen Pony und schlug mit einem Stock im Takt auf seine Trommel. Dabei gröhlte er etwas von “Lederhosen” die man “ausziehen” sollte. Ich war hin und weg.

An den Bratwurstbuden standen Männer mit abgenutzten Fischermützen, sie trugen Trikots, die ein paar Nummern zu klein geworden waren und unterhielten sich mit einer einer Direktheit und einer Sprache, die mir noch heute imponiert. “Da hätteste auch ein Hemd ins Tor hääängen können!” war einer der Sätze, die ich nie vergessen werde. Oder aber Perlen in feinstem mecklenburgisch wie “Die Kasper gehen 17:30 schön nach Hause und gucken Sandmann, und wir müssen uns das Gegurke schön trinken.”

In der ersten Halbzeit habe ich vom Spiel nicht viel gesehen. Dies lag zum einen daran, dass ich unglaublich aufgeregt war und mir zunächst sämtliche Fahnen, Trikots und kuriose Gestalten um mich herum angucken musste. Zum anderen lag es an zwei Männern mittleren Alters, die schon nach zehn Minuten versuchten den alten, wackligen Zaun direkt vor uns zu erklimmen. Eine Kombination aus Alkohol und Mittagshitze verhinderte aber einen Klettererfolg, sodass sie irgendwo in der Mitte hängen blieben, den Oberkörper durch die schmale Öffnung schoben und der Rest von ihnen auf unserer Augenhöhe hängen blieb.

Nach einer Stunde klingelte es zum ersten Mal im Tor der Rostocker. Mehmet Scholl erzielte das 1:0. Kurz darauf legte Christian Nerlinger, der später Uli Hoeneß beerben sollte und dann von Uli Hoeneß beerbt wurde, das 2:0 nach. Aus den hinteren Reihen forderte jemand, dass man besser ein Hemd ins Tor hängen sollte.

Anschlusstreffer durch Pamic

Ewald Lienen, damaliger Trainer von Hansa Rostock, fiel jedoch etwas besseres ein. Er brachte Igor Pamic. Ein Kroate, der für mich als Kind gefühlt 2,50 m groß war und der seinerzeit von den Vereinsbossen sicherlich nur aus Angst verpflichtet wurde. Dieser glatzköpfige Kroate, von dem mein Vater behauptete, er könne mit seinem Schuss dem Torwart die Finger brechen, erzielte fünf Minuten vor Abpfiff den Anschlusstreffer für Hansa. In diesem Moment, in der 85. Minute, trotz Rückstand, erfuhr ich zum ersten Mal was es bedeutet, Fan eines Fußballclubs zu sein. Die angestaute Wut und Verzweiflung wurde in Euphorie und Hoffnung umgewandelt. Innerhalb von Sekunden bekamen tausende Menschen in blau-weißen Klamotten und mit roten Köpfen den Mut, hier doch nicht als Verlierer vom Platz zu gehen. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen, die zwei Männer im Zaun, kletterten wieder hinunter und jubelten in der Menge mit, und ich hatte zum ersten mal einen vernünftigen Blick auf das Spielfeld.

Was ich jedoch zu diesem Zeitpunkt in meiner kindlichen Naivität noch unterschätzte – es handelte sich um Hansa Rostock. Die Mannschaft, die es schafft, ihre Fans in kürzester Zeit in Extase zu versetzen und in noch viel kürzerer Zeit alles wieder einreißt und mindestens doppelt so schlimm macht. Mein Vater beschrieb diesen Umstand Jahre später mit dem Vergleich eines Freundes, der dich auf 5 Bier einlädt und danach merkt, dass er gar kein Geld dabei hat.

Zwei Minuten später war es wieder eine Glatze, leider jedoch die von Carsten Jancker, einem ehemaligen Spieler aus der Jugend von Hansa Rostock, der die Hoffnung auf eine Punkteteilung schnell erstickte. Hansa Rostock verlor das Spiel mit 1:3 gegen den FC Bayern München. Eine Niederlage die mir trotzdem kaum weh tat. Allein wenn ich daran denke, wie gern ich heute mal wieder mit 1:3 gegen die Bayern verlieren würde. Die Bayern wurden am Ende der Saison Vizemeister. Otto Rehagel schaffte mit Kaiserslautern etwas einmaliges und wurde als Aufsteiger Deutscher Meister. Hansa Rostock wurde am Ende Sechster und spielte die beste Saison in der Bundesligageschichte des Vereins.

Mein Vater und ich fuhren nach Hause. Ich hatte eine neue Welt kennengelernt und das Ergebnis interessierte mich kaum. Wir klemmten meinen Schal ins Autofenster und ließen ihn im Fahrtwind flattern. Es war offiziell. Ich war vergeben.

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