Bayern

Vom Champions League Finale 1999 sah ich nur die erste Halbzeit. Dann musste ich ins Bett. Einerseits völlig verständlich, denn ich war neun Jahre alt und das Spiel fand an einem Mittwochabend statt. Andererseits völlig unsinnig, denn mein Vater hielt mich durch sein Getrampel und laute taktische Anweisungen trotzdem auf dem Laufenden. Etwas später am Abend wurde es im Wohnzimmer dermaßen laut, dass an Schlaf überhaupt nicht zu denken war. Binnen weniger Sekunden sprang mein Vater zweimal aus dem Sessel und feierte eine Party mit sich selbst. Der Grund war simpel und bis zum Ende der 2000er Jahre häufig anzutreffen: Bayernhass.

Diese tiefe Abneigung gegen die Überheblichkeit eines gesamten Clubs und seiner Bagage ist mittlerweile einer unterwürfigen Anerkennung gewichen. Die Bayern haben gewonnen. Nicht nur jedes Spiel – sondern komplett. Dabei haben sie ihre Strategie nur leicht angepasst. Statt den direkten Konkurrenten in der Bundesliga die besten Spieler wegzukaufen und diese mit Wahnsinnigen wie Oliver Kahn oder Lothar Matthäus in eine Mannschaft zu sperren, wurde der FC Bayern wie eine globale Premiummarke glattgestrichen und präsentiert. Von den entsprechenden Erlösen können nun Spieler verpflichtet werden, die sich kein anderer Bundesligist mehr leisten kann. Die polarisierenden Leistungsträger, für deren Aussagen man sich schämen müsste, benötigt der Club gar nicht mehr.

Der alte FC Bayern meldete sich in denkwürdiger Form im Oktober 2018 ein letztes Mal. Starteten die drei Verfassungsrichter eventuell noch mit guten Absichten in die Pressekonferenz, brannten bei Uli Hoeneß relativ schnell wieder sämtliche Sicherungen durch. Ich fühlte mich sofort wieder jung. Ein Samstagabend ohne die rote Birne von Hoeneß und wahlweise Hetze oder Arroganz in einem ran-Zusammenschnitt kam praktisch nur vor, wenn die Bayern an einem anderen Tag spielten oder Christoph Daum noch mehr Schlagzeilen produzierte. Aber die besagte Pressekonferenz erinnerte mich wieder stark an diese Zeit.

Bei einem Spiel von Hansa Rostock wurde einmal der Zwischenstand aus der Partie Energie Cottbus gegen die Bayern eingeblendet. Cottbus führte und im Ostseestadion brach Jubel aus, obwohl Cottbus ein direkter Konkurrent im Abstiegskampf war. Den Bayern die Lederhosen ausziehen. Darum ging es im ganzen Land. Nur geschafft hat es niemand. St. Pauli gewann nach dem Weltpokalsiegerbesieger-Spiel am 22. Spieltag anschließend nur noch eins und stieg ab. Die Bayern gewannen die Champions League.

Der HSV wurde von Uli Hoeneß persönlich in die Falle gelockt, in dem er offenbarte, dass er mittelfristig nur den HSV in der Lage sieht, seinem Club Paroli zu bieten. Nur der HSV fiel drauf herein und der Aufstiegsregelung der dritten Liga ist es zu verdanken, dass der HSV in der kommenden Saison nicht gegen die zweite Mannschaft der Bayern spielt. In der

Unbeliebtheitstabelle ist RB Leipzig auf Anhieb an den Bayern vorbei gezogen und spielt ihnen somit auch in die Karten. Gegenüber dem Konstrukt glänzt der Rekordmeister als Traditionsverein mit Fanclubs auf der ganzen Welt und einem Minimum an Mitspracherecht. So konnten die Bayernfans zum Beispiel rote statt blaue Hosen durchsetzen. Gelebte Demokratie. Denkt man sich die Bayern weg, wäre wahrscheinlich Aki Watzke von Borussia Dortmund der Mann, der zu allem einen Beitrag einsenden muss. Und das kann ja auch niemand wollen.

Die Bayern befinden sich in der komfortabelsten Situation aller Zeiten. Man hat sich mit ihnen arrangiert. Drückt ihnen in Spielen gegen Paris oder Manchester City die Daumen, weil diese Clubs noch unrealer und unverschämter agieren. Anhänger vieler Mannschaften in Deutschland werden durch die sogenannten „Retterspiele“ jegliche Argumente genommen. In schöner Regelmäßigkeit reist der FC Bayern zu einem heruntergewirtschafteten Traditionsverein, lässt ein ausverkauftes Stadion an den Lederhosen riechen, die Antrittsprämie stornieren und entledigt sich damit der Kritik einer gesamten Region.

Die Konkurrenz kann dem FC Bayern nichts mehr anhaben. Als Torhüter von Schalke 04 würde ich mir angesichts des ersten Spieltags direkt eine Verletzung ausdenken, denn nach dem aktuellen Zustand beider Mannschaften wackelt der Bundesligarekord des 12:0 Siegs bereits.

Der FC Bayern kann nur implodieren. Die vergangene Hinrunde unter Trainer Kovac nährte bei allen Bayernhassern die Hoffnung auf Genugtuung. Die Bayern waren auf dem besten Weg der Selbstzerstörung. Dann kam Hansi Flick und machte die Bayernwelt wieder unantastbar und versiegelte sie sogar. Robert Lewandowski spielt den Ball ab. Im Strafraum. Und vor dem Spiel gibt Oliver Kahn gelassen Interviews und lässt sich nicht provozieren. Der Oliver Kahn, den ich kannte, hätte in den ersten fünf Sekunden so eine negative Stimmung verbreitet, dass ganz Deutschland den Bayern eine Packung gewünscht hätte. Das ist alles vorbei. Sie haben alle eingelullt.

Ohne den FC Bayern stünde die Bundesliga in der Fünfjahreswertung viel schlechter da. Ja, das stimmt. Nur spielen 99,9 % der Fußballvereine in Deutschland nicht ansatzweise um den europäischen Wettbewerb. Selbst wenn die Bundesliga nur einen Startplatz hätte, wären Fans von Rot-Weiss Essen und Carl-Zeiss Jena nicht besser oder schlechter dran.

Die Markenstrategie ist aufgegangen. Das einzig Unperfekte am FC Bayern sind noch die hohen Rückennummern der Stammformation und die Rotweinnase von Rummenigge. Die Bayern sind plötzlich sympathisch, weil Neid und Missgunst peinlich sind und ihr sportlicher Erfolg alle verstummen lässt.

Der Club bietet eine hohe Aussicht auf konstante Erfolgserlebnisse. Verständlicherweise ist das verlockend. Aber ich möchte mich wieder diebisch freuen, wenn die Bayern verlieren. Aber sie verlieren ja nicht mehr und wenn doch wird alles intern analysiert und nicht mit Dreck nach Bremen  oder auf einzelne Spieler geworfen. Wenn ihr schon alle Titel gewinnt und den Profifußball immer egaler werden lasst, gebt uns bitte wenigstens unser Feindbild zurück. Und viel Erfolg gegen Paris St. Germain.