Warum Toni Kroos bei Real Madrid spielt und ich nicht

Warum Toni Kroos bei Real Madrid spielt und ich nicht
Foto: Michael Kranewitter, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0

Im Leben eines Mannes kommt irgendwann der Tag an dem er sein eigenes Leben anders als zuvor betrachtet. Bei Amateurfußballern und Fußballfans ist das meist der Tag, an dem ein debütierender Spieler der Nationalmannschaft jünger ist, als man selbst. Die Illusion, man könnte es doch noch nach oben schaffen, schwindet endgültig und zum ersten Mal jubelt man tatsächlich einem Jüngeren zu. Im Fußballfan passiert dann etwas merkwürdiges. Ab diesem Tag hört man auf neue Idole zu haben, sondern konzentriert sich umso mehr auf die, die man bereits hat und die älter sind als man selbst. Gleichzeitig wird die Begeisterung für den eigenen Verein größer und jüngere Spieler werden ab sofort kritischer betrachtet.

Toni Kroos bestritt sein erstes Spiel für die deutsche Nationalmannschaft am 03.03.2010 gegen Argentinien. Er war damals 20 Jahre alt und wurde für Thomas Müller eingewechselt, der ebenfalls an diesem Tag im Alter von 20 Jahren sein Debüt feierte. Zu diesem Zeitpunkt war ich auch zwanzig, allerdings ein paar Monate älter als die beiden und gerade dabei, meine ersten Semesterferien zu verträumen. Toni Kroos ist mittlerweile Weltmeister und wird bei Real Madrid von meinem Idol Zinedine Zidane trainiert. Thomas Müller ist auch ganz gut.

Irgendwann erwähnte ich eher beiläufig beim Lesen eines Artikels über ihn, dass Toni Kroos, genau wie ich, in Greifwald aufgewachsen und ein halbes Jahr jünger ist. Ich hielt das Foto von ihm hoch und meine Freundin erwiderte: „Und warum spielt Toni Kroos jetzt bei Real Madrid und du nicht?“. Nun ja. Dass Toni Kroos ein hochveranlagter Spieler ist, konnte man schon in Kindertagen sehen. Soweit ich mich erinnern kann, war er immer der beste Spieler seiner Mannschaft und spielte auch bei den älteren Jahrgängen alle an die Wand. Ich muss dazu sagen, dass ich selbst nie mit ihm in einer Mannschaft gespielt habe, da meine fußballerischen Fähigkeiten schon zu Schulzeiten nicht einmal für die beste Mannschaft der Kleinstadt Greifswald reichten. Stattdessen hatte ich die Ehre, Toni und seinem Bruder Felix bei diversen Spielen hinterher zulaufen und ihnen beim Jubeln zuzugucken. Während wir zweimal in der Woche trainierten, dribbelte Toni jeden Tag den Platz hoch und runter. Fuhren wir nach Hause, strampelte er auf seinem Fahrrad an uns vorbei und drehte noch Extrarunden im Wald.

Toni Kroos spielte Fußball, ich aß Torte

Jahre später erzählte mir ein Freund, dass selbst zum Kindergeburtstag im Hause Kroos, nur die besten Spieler der Mannschaft und Schulklasse eingeladen wurden. Nach einem kleinen Stück Kuchen konnte so der Nachmittag im Garten wenigstens noch für eine Trainingseinheit mit der Stadtauswahl genutzt werden, ohne dass man sich mit Amateuren aufhalten musste. Ich hingegen verdrückte an meinem Kindergeburtstag Kuchen und Limo bis die Zähne beinahe freiwillig auswanderten, kroch schwer keuchend mit verbundenen Augen über die Auslegeware und drosch mit einem Kochlöffel allen Gästen auf die Füße, bis ich endlich den Topf traf. Darunter verborgen sich dann in der Regel weitere Blombenzieher.

Meine Erfolge im Fußball halten sich in Grenzen. Nach der ersten Saison in der C-Jugend habe ich mich im Verein abgemeldet. Toni Kroos spielte zu dem Zeitpunkt bereits bei Hansa Rostock und wechselte wenige Jahre später zu Bayern München. Als Student wagte ich noch einmal für eine Saison das Comeback auf die große Fußballbühne. Unser Verein hielt durch grobe Schiebereien am grünen Tisch die Klasse, da die Liga wie von Zauberhand um einen Verein aufgestockt wurde. Die gesamte Saison suchte ich meine Form und saß größtenteils auf der Bank. In einem der letzten Spiele musste ich 90 Minuten im rechten Mittelfeld spielen. Die Position für geborene Läufer. Trotzdem hielt ich erstaunlich gut mit und konnte meinem Gegenspieler des öfteren den Ball abjagen ohne mir selbst die Füße zu brechen. Das Spiel endete Unentschieden und ich hatte mir endlich einmal nichts zu Schulden kommen lassen. Beim Abklatschen lobte ich meinen Gegenspieler und er sagte zu mir: „Danke, hätte nicht gedacht, dass ich mit meinen 45 Jahren noch so mithalten kann. Habe hier heute nur ausgeholfen.“

Ob dieser Moment schlimmer war, als die Einwechslung von Toni Kroos im Spiel gegen Argentinien, kann ich im Nachhinein nicht mehr genau sagen. Kroos ist ein begnadeter Fußballer, der neben dem nötigen Talent immer den Willen und die richtigen Förderer an seiner Seite hatte. Außerdem trifft er auf und neben dem Platz die richtigen Entscheidungen, spielt zurecht bei Real Madrid und hat als erster deutscher Spieler viermal die Champions League gewonnen. Die gleiche Heimatstadt zu haben, sagt dann doch eher wenig über den späteren Lebensweg aus. Mir geht es aber trotzdem gut.

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